Waldorfschule
auf La Palma
Ein
deutscher Freund erzählte neulich, er ginge ins Theater:
Calderones "Das Leben – ein Traum".
"Der
Titel wäre doch passend für eure kleine Schule auf La
Palma!" meinte er.
Gerne würde ich nun in Internetsprache ein
kleines breit grinsendes Smiley einfügen ...
Eine kleine Insel
im Süden, eine kleine Schule - das muss doch ein Traum sein - so
die Vorstellung vieler Zeitgenossen.
Die
Realität ist anders in einer fast 20 Jahre alten Schule, die
sich
- von deutschsprachigen Auswanderern nach Tschernobyl gegründet
-
in einer zweiten Pionierphase befindet :
Arbeit, Bemühungen,
kleine Erfolge, Widerstände, Zeitgenossenschaft - wie
überall
auf der Welt.
Und allem voran die Frage :
wird die Waldorfpädagogik
wirklich gewollt von der Umgebung und kann sie sich in diese wirklich
integrieren?
Biographisch
wäre bei uns jetzt die Ich-Geburt dran,
was bedeuten würde,
dass sich die Escuela Libre San Miguel de La Palma schliesslich und
endlich
von einer deutschen zu einer mindestens bilingualen, wenn
nicht gar spanischen Schule wandelt,
in die auch spanische Kinder
relativ leicht ihren Weg finden können.
Diesen
Wandel hat die kleine Schulgemeinschaft in den letzten 2 Jahren mit
grosser Kraft verfolgt.
Wir
sind dabei ein wichtiges Stück weitergekommen auf dem Weg zu
einer in
das spanische Umfeld integrierten,
ein
wenig multikulturellen kleinen "escuelita", die sich in vieler
Beziehung
zu einem Teil der Insel ausgedehnt hat.
Diverse
Behördenkontakte sind entstanden.
Auch
wenn wir uns legal immer noch in einer Grauzone
bewegen,
so scheint unsere Schule doch
toleriert zu werden.
So wurden wir im Mai zu
der Ferria de las Culturas auf
der Plaza der größten Stadt eingeladen,
wo
die Kinder mit anderen staatlichen Schulklassen einiges aufführen
konnten.
Drei Tage lang betrieben wir
an dieser exponierten Stelle im Zentrum von Los Llanos einen
Infostand
und es entwickelten sich interessante und bewegende
Gespräche.
Wir
haben in den letzten beiden Monaten zwei
Veranstaltungen durchgeführt,
die Ausdruck der
Integration in die kanarische bzw. spanische
Waldorfbewegung sind.
Einmal fand
das Delegiertentreffen aller kanarischen Waldorfinitiativen
bei uns statt.
Damit sind wir
sozusagen offiziell als kanarische Initiative in den Kreis
aufgenommen worden.
Zum anderen war
Antonio Malagon, der Hauptprotagonist der
spanischen Waldorf-
und anthroposophischen Bewegung,
mit einem öffentlichen Vortrag
zu Gast.
Auf
der Insel gibt es immer mehr Menschen, bei
denen das Interesse an der Waldorfpädagogik
wächst.
Teilweise wohnen sie zu weit entfernt,
um ihre Kinder zu uns an die Schule
zu schicken.
Hier ist die – noch ganz visionäre,
aber nicht völlig unrealistische – Idee einer Zusammenarbeit
entstanden.
Dies könnte entweder
durch einen weiteren Kollegen geschehen,
der z.B. in den Norden der Insel geht
und dort eine kleine Gruppe mehrklassig unterrichtet
und mit dem eine Zusammenarbeit in
der wöchentlichen Konferenz oder in einzelnen
Epochen stattfindet.
Es
gibt aber auch die Idee eines fahrenden Klassenzimmers
(Bus),
der an den verschiedenen Ecken
der Insel jeweils tageweise vorbeikommt.
Dabei
müssten allerdings die Eltern kräftig mithelfen.
Im
Schuljahr 06/07 werden wir zwischen 17
und 22 Schüler haben.
Darunter werden einige spanische
sein – auch das ist ein erfreuliches Wachstum.
Die anderen kommen aus Deutschland, der Schweiz,
Norwegen und Schweden
oder haben
Elternteile aus Südamerika, Luxemburg, Spanien,
England.
Wir
werden auch weiterhin die erste bis sechste Klasse
in drei Gruppen führen.
Durch die für uns stark
gestiegene Schülerzahl wird sich die Unterrichtssituation
ebenfalls verändern.
Es wird nicht mehr möglich sein, die
Gruppe der 3./4.-Klässler und die Gruppe der
5./6.-Klässler
parallel zu unterrichten, wie ich
dies bisher gemacht hatte, wenn Praktikanten fehlten.
Dies vor allem auch, weil der Unterricht
in der 3./4. Klasse zweisprachig ist -
eine
große Herausforderung im Epochenunterricht mit
Kindern, die nur Deutsch und anderen,
die nur Spanisch sprechen.
So
haben wir uns zu dem finanziell mutigen Schritt entschlossen,
einen
dritten Klassenlehrer zu uns zu
holen und werden im nächsten Schuljahr ein Kollegium,
bestehend aus
einer spanischen und zwei deutschen WaldorflehrerInnen sein.
Aus
diesem Grunde sind wir weiterhin auf Sponsoren
und Unterstützung angewiesen.
Es wird
den Eltern nicht möglich sein, plötzlich statt
einem drei Lehrer zu finanzieren.
Deshalb
habe ich persönlich mich entschlossen, wie
im vergangenen Jahr in den Ferien zu arbeiten
und dazwischen von dem zu leben, was
von außen an Unterstützung kommt
für unser Projekt
»Integration in das spanische Umfeld«, um
damit wie im vergangenen Jahr
die Finanzierung eines Honorars ganz
aus dem laufenden Budget herauszunehmen.
An
dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an alle Sponsoren, Freunde
und Verwandte,
die uns finanziell, moralisch oder
als Praktikanten und Besucher tatkräftig
in
diesem vergangenen Schuljahr unterstützt haben.
Für
die Zukunft suchen wir erfahrene Waldorflehrer, die bei der weiteren,
manchmal recht langsamen Aufbauarbeit mithelfen.
Die Escuela Libre San Miguel de La Palma ist also nicht nur ein Inseltraum.
Aber
Menschen, die einen Bezug zur spanischen Kultur haben,
sowie Pioniersgeist
und Lust auf ein wenig mehr Sonne, sind hier stets willkommen ...
(Vera
Hoffmann, in : "ERZIEHUNGSKUNST", Okt.06)